Alltags-Rassismus, Hass und Gewalt – die Welt, die wir unserer Tochter aufbürden.

16468931_1351718621553523_1925317885_n. . . als Kind und auch noch – oder erst Recht – als Jugendlicher will man seinen Eltern viele Dinge einfach nicht glauben.
„Eines Tages wirst du den Mittagsschlaf vermissen“ – phaha, denkst du. „Genieß deine Jugend, das Leben als Erwachsener kommt schnell genug und dann wird es dir nicht gefallen“ – als ob, ich kann es kaum erwarten.
Bisher hat sich noch jede dieser Aussagen bestätigt und heute beiße ich mir dafür in den Hintern meinen Eltern damals nicht geglaubt zu haben – auch wenn ich jetzt schon weiß, dass wir unsere Tochter das selbe mit auf den Weg geben werden und sie uns auch nicht glauben wird.
Ein Satz meiner Mama ist mir aber stark im Gedächtnis geblieben – wahrscheinlich, weil ich ihn ganz lange nicht richtig verstanden habe.

„Hätten wir gewusst, in welche Richtung sich die Welt entwickelt, wie schnell das geht und wie schlimm die Ausmaße sind – ich bin mir nicht sicher, ob wir uns trotzdem dafür entschieden hätten Kinder zu bekommen“

Im ersten Moment mag dieser Satz vielleicht etwas hart klingen, aber jetzt – mit Baby im Bauch und auf dem Wege Mutter zu werden – denkt man über genau diese Sätze nochmal nach und beginnt zu verstehen.
Diese Welt, die Gesellschaft in der unsere Tochter aufwächst, entwickelt sich im Eiltempo in eine Richtung, die für mich, meine Ansichten und meine Ideale absolut falsch und nicht zu tolerieren ist – und trotzdem zwinge ich es unserer Tochter auf, darin zu bestehen und Teil davon zu werden…und sie hat keine freie Entscheidung darüber, ob sie das überhaupt möchte.

Ich hole einfach mal weiter aus: Mütter und werdende Mütter kennen sie vermutlich alle – zig Ratgeber-Seiten, Facebook-Gruppen und Mami-Foren, in denen Mütter sich gegenseitig unterstützen sollen, sich mit Ratschlägen zur Seite stehen sollen und die Möglichkeit bekommen sollen, ihre Ängste und Sorgen zu teilen, damit ihnen etwas Last von den Schultern genommen werden kann.
Dieses Prinzip finde ich – vom Gedanken her – eigentlich ganz schön, schaut man sich aber etwas in diesen Foren um, stößt man sehr schnell auf die Realität und die menschlichen Abgründe, die sich dort auftun. Mütter, die ihre Ängste und Sorgen teilen, weil sie Hilfe brauchen / suchen, werden verurteilt, beleidigt und absolut unmenschlich behandelt. Die Mobber – ja, ich verwende diesen Begriff bewusst – preisen sich selbst als Übermutter an, weil sie in egal welcher Situation immer absolut souverän handeln und nie auch nur den kleinsten Fehler machen. Diese Mütter wissen prinzipiell immer alles besser als jeder andere. Ohne wenn und aber!
Heute morgen bin ich dann über einen Beitrag gestoßen, in dem es um Kita- und Krippen-Plätze ging. Die Problematiken, die in diesen Bereichen herrschen, sind mir durchaus bewusst – mein Bruder arbeitet in dem Bereich, der kennt – im Gegensatz zu diesen Übermuttis – die Realität und weiß wo die tatsächlichen Brennpunkte liegen.
Wie dem auch sei: Eine Mutter wollte in diesem Forum ihren Frust ablassen, weil sie ihr Kind für die Kinderkrippe angemeldet hatte, die Aufnahme nun aber nach hinten verschoben wurde, da der Kindergarten aufgrund der Flüchlingskrise viele Plätze für Flüchtlingskinder bereit stellen musste. Dass eine Mutter, die auf den Platz für ihr Kind angewiesen ist, da erst mal wütend, traurig oder was auch immer ist, kann ich mehr als gut verstehen – ABER was dann in den Kommentaren an Aussagen zu finden waren, hat mich den Glauben an die Menschheit ein Stückchen mehr verlieren lassen.
Alltags-Rassismus in der reinsten Form. Mütter, die verlangen, dass die Flüchlingsfamilien, die ja ohnehin den ganzen Tag „zuhause“ sitzen, ihre Kinder ja auch dort betreuen können und nicht in einen Kindergarten stecken müssen. „Denen kann es dann ja nicht so schlecht gehen“, „Was mit mir ist, interessiert doch auch keinen, wieso soll es mich interessieren, was mit denen ist“, „Sollen sie doch zurück gehen und da die Kita-Plätze ausschöpfen“ … und solche Aussagen, von Frauen, die die Verantwortung für ein Kind tragen. Solche Aussagen, von Menschen, denen man Empathie und Menschlichkeit zusprechen möchte, die einem dann aber beweisen, wie unmenschlich sie wirklich sind und dass sie sich selbst als Mittelpunkt der Welt sehen und nicht erkennen, dass es ihnen, verglichen mit so vielen anderen, um so vieles besser geht und sie so unglaublich viel Unterstützung erfahren.
Wie kann man zulassen, dass Menschen mit solchen verschobenen Realitätsvorstellungen und so abartigen Meinungen ein Kind groß ziehen? Wieso dürfen solche Menschen dieses kranke Gedankengut an kleine, unschuldige Kinder weitergeben? WIESO greift da niemand ein?

Rassismus hat mittlerweile wieder einen festen Platz in unserer Mitte – während es vor einigen Jahren noch verpönt wurde und ein großer Teil der Menschen sich ganz klar gegen rassistische, menschenfeindliche und frauenfeindliche Bewegungen und „Grundsätze“ gestellt hat, werden genau diese Dinge heute akzeptiert . . . schlimmer noch: gefördert und für gut befunden.
Wie sollen sich die Kinder noch gesund entwickeln, wenn sie von Eltern groß gezogen werden, die ihnen falsche Werte vermitteln?
Statt zu teilen, wird ihnen beigebracht ihre Sachen für sich zu behalten und wenn überhaupt, dann nur mit Kindern der selben „Gruppe“ zu teilen – ja, Rassismus ist nicht nur Deutsches den Deutschen, auch wenn sich türkische, albanische, syrische,…Gruppen bilden, die sonst niemanden akzeptieren, ist das Rassismus.
Statt zu helfen, wenn jemand in Nöten ist, wird jetzt darauf bestanden, weg zu sehen und das Leid der anderen zu ignorieren – ist ja schließlich nicht unser Problem – DOCH VERDAMMT, und das werdet ihr auch noch sehen, dummerweise erst dann, wenn es zu spät ist.
Statt gemeinsam zu spielen und zu toben, werden Kinder vor Konsolen und Fernsehern abgesetzt – Hauptsache keine Arbeit machen und keine zwischenmenschlichen Kontakte fördern, das wäre unnötige Liebesmühe.
Wozu soll ich mir überhaupt noch die Mühe machen mich mit meinem Kind zu beschäftigen? Das Fernsehprogramm von heute bringt ihm das nötigste bei, dieses Wissen paare ich dann noch mit einigen rassistischen Sprüchen und wenn ich schon dabei bin, weiße ich den Kindern nebenbei noch ein klares Rollenbild zu – DAS ist die Erziehungsarbeit des 21 Jahrhunderts.
Mehr muss ich nicht tun – wenn mein Kind dann aber ein Arschloch ist, suche ich die Fehler natürlich nicht bei mir, ich bin eine fehlerfreie und absolut perfekte Übermutti. Schuld ist dann der Kindergarten, die Schule, die Flüchtlingskinder, die Ausländer und natürlich Merkel. Die ist ja ohnehin für alles verantwortlich.

Ich wünsche mir für unsere Tochter, dass sie eine starke Persönlichkeit ist und einen starken Charakter hat. Dass sie sieht, wenn jemand in Not ist und Hilfe braucht und dann hilft, nicht, weil sie sich etwas davon verspricht, sondern weil man den Schwächeren wieder auf die Beine helfen muss. Ich wünsche mir, dass sie teilt und diejenigen an die Hand nimmt, die ihren Weg alleine nicht finden. Unsere Tochter soll wissen, dass eine Gesellschaft nicht funktionieren kann, wenn man immer nach unten tritt und die Schwächeren noch mehr tyrannisiert – sie soll wissen, dass eine Gesellschaft nur so stark wie ihr schwächstes Glied ist und dass man, um eine starke Gesellschaft aufzubauen, den Schwächeren helfen muss und seinen Frust nicht nach unten tritt, sondern nach oben schießt, damit er auch die erreicht, die die Verantwortung für die Ungerechtigkeiten tragen.

Wie kann man es rechtfertigen in diese kranke, kaputte Welt ein kleines Leben zu setzen und ihm so eine Last aufzubürden? Es gibt so viel Schlechtes, Schlimmes und Böses auf der Welt – so viele schlechte Menschen und so wenige, die ihnen etwas entgegen setzen. Ja, wir schicken unsere Tochter mit einer unglaublich schweren Aufgabe in diese kaputte Welt, aber wer, wenn nicht die Kinder, können die Welt wieder zu etwas besserem machen?

4 comments on “Alltags-Rassismus, Hass und Gewalt – die Welt, die wir unserer Tochter aufbürden.

  1. Grüße von Nina + Nikon

    10/02/2017 at 17:59 Antworten

    die kindergärten jedenfall hier in berlin bekommen für ein aufgenommenes flüchtlingskind mehr geld zugesteckt, 25% wenn ich mich recht erinnere, ist doch dann klar, dass die lieber die kinder nehmen als die bereits angemeldeten ‚deutschen‘, als bonus sozusagen, denn sonst hätten wenig kindergärten die motivation diese kinder aufzunehmen, doch da frage ich mich: wo ist da die Gleichberechtigung, wenn ein kind bevorzugt wird, nur weil es in dem fall mehr profit schlägt?!

    • Kindergärten bekommen für Kinder, die keine deutsche Staatsangehörtigkeit haben, allgemein mehr Geld.
      Das liegt aber nicht daran, dass der Staat dafür mehr Gelder investieren möchte oder die Kinder be-
      vorzugt werden sollen, sondern einfach daran, dass bei diesen Kindern ein Mehraufwand besteht. Oftmals
      können diese Kinder die deutsche Sprache weder sprechen noch verstehen.
      Das heißt, für die betreuenden Personen (Erzieher, Kinderpfleger) bedeutet das wesentlich mehr Arbeit
      und Aufwand. Zu behaupten, die Kindergärten würden die Kinder bevorzugen, weil sie mehr Geld für gleiche
      Arbeit bekommen, ist also gelogen.

  2. Ich gebe dir in deinen Punkten absolut recht. Ich bin ebenfalls im selben Bereich wie dein Bruder tätig und erlebe dieses „Erziehungsbild“ des 21 Jhr. eben direkt jeden Tag. Da heißt es dann schon mal schnell „kein Wunder das XY so agressiv ist immerhin sind die Eltern doch Türken!“ Wenn ich sowas höre muss ich mich wirklich zwingen still zu bleiben.
    Ich wünsche mir das deine Tochter so wird wie du es beschrieben hast (wobei ich mir das bei solchen Eltern wie euch auch gar nicht anders vorstellen kann) und wünsche dir alles Gute sowohl in der Schwanerschaft als auch im Leben ♡

    • Ich finde diese Vorurteile so unglaublich schlimm. Als ob das nun an der Nationalität der Eltern liegt.
      Aber ich finde es dann auch sehr toll, wenn Menschen wie du in diesem Bereich arbeiten und Einfluss auf
      die Kinder nehmen können. Es ist so wichtig, dass die Kleinen mit den richtigen Werten aufwachsen!

      Dankeschön – sehr lieb von dir 🙂
      Ich wünsche dir auch viel Glück und alles Gute im Leben :*

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