Beziehung statt Erziehung. | was „unerzogen leben“ für mich bedeutet.

Zur Erklärung:

 

Ich habe bereits angekündigt, dass ich auf meinem Blog in Zukunft auch immer wieder Mama-Themen anschreiben werde, denn das ist jetzt mein Leben – das ist, was ich bin: Mama.

Eins dieser Themen – nein, eigentlich das Hauptthema, das große Ganze, das worauf sich hier sehr viel aufbauen wird, ist die Thematik „unerzogen leben“ – wie funktioniert Beziehung statt Erziehung?

Ich werde hier immer wieder Erfahrungsberichte mit euch teilen, denn über vieles kann und werde ich erst schreiben, wenn wir es erlebt haben – was bringt denn noch mehr Theorie in diesem Urwald der „Erziehungsmethoden“?

Bevor ich über Themen wie „Stillen nach Bedarf – unsere Stillgeschichte“, „Familienbett“ und ähnliches schreibe, gibt es heute einen ersten Einblick in unerzogen leben, wie ich mir das vorstelle.
Den Beitrag habe ich ursprünglich als Gastbeitrag für ein anderes Blog geschrieben, aber da ich von dort keine Antwort mehr erhalten habe, veröffentliche ich ihn einfach selber:


Während ich mich in der Schwangerschaft vor (meist sehr hässlichen) Baby-Klamotten, vermeintlich nützlichen Utensilien und Baby-Bauch-Komplimenten kaum retten konnte, kam mit Geburt meiner Tochter etwas dazu, das ich genau so wenig brauche, das mich dafür aber regelmäßig auf die Palme bringt: Erziehungs-Tipps!

„Das Baby muss so schnell wie möglich im eigenen Bett schlafen, sonst liegt es ja noch mit 10 Jahren zwischen euch!“, „Lass sie auch mal schreien, sonst merkt sie ja gleich, dass sie dir auf der Nase herum tanzen kann!“ und „So ein Kind muss es auch mal ab können sich allein zu beschäftigen, es ist ja nicht deine Aufgabe es immer zu bespaßen!“ sind nur ein paar der Sätze, die ich mir in regelmäßigen Abständen an den Kopf werfen lassen musste.

„Kinder brauchen Grenzen. Klare Grenzen!“ – ja, dieser Satz schwebt seit dem ersten Moment über uns und auch wenn ich niemandem eine böse Absicht unterstellen möchte: Ratschläge sind auch Schläge!

Mich mit dem Thema „Erziehung“ beschäftigen zu müssen, fiel mir schwerer als ich mir zu Anfang vorstellen konnte. Für jemanden, der bereits unerzogen aufgewachsen ist, ist eine Notwendigkeit von künstlich geschaffenen Regeln und Grenzen einfach nicht ersichtlich, aber in Gesprächen mit anderen ist mir immer wieder aufgefallen, dass Menschen mit unserem Weg – unserer Einstellung, unerzogen zu leben – überfordert sind und nicht wissen, was sie sich darunter vorstellen sollen. Dem Kopfkino sind hier (scheinbar) keine Grenzen gesetzt und bei dem Wort „unerzogen“ läuten bei den meisten die lautesten Alarmglocken. Vor dem inneren Augen beginnen Schlamm-beschmierte Kinder den dritten Weltkrieg um Süßigkeiten und die Lieblingsserie im TV und Kaugummi-kauende Rotzgören im Teenie-Alter schließen Wetten ab welchem Mini-Krieger das erste Auge ausgestochen wird.

Unerzogen ist tatsächlich aber ganz anders und deshalb möchte ich heute mit dir / euch meine Auffassung von unerzogen leben teilen und euch einen kleinen Einblick in eine Familie ohne künstliche Grenzen und willkürliche Regeln ermöglichen!


Wenn du dein Kind erziehen möchtest bzw. bereits erziehst, dann hast du ein Bild vor Augen wie dein Kind sein soll, du hast eine Erwartungshaltung deinem Kind gegenüber und belohnst es, wenn es deine Erwartungen erfüllt, bzw. bestrafst es, wenn es dich nicht zufrieden stellt.

Erziehen – und das steckt irgendwie bereits in dem Wort an sich – bedeutet, sein Kind in eine Richtung zu ziehen, die man selbst als richtig und gut erachtet, unabhängig davon, ob auch das Kind dieses Ziel als für sich richtig und gut bewertet.

Unerzogen leben hingegen bedeutet, dass du dein Kind als das respektierst und achtest, was es ist – einen kleinen fertigen Menschen, mit Stärken und Schwächen, einen Menschen, der Fähigkeiten hat, aber in seinem Handeln und Verhalten nicht immer fehlerfrei ist. Unerzogen leben bedeutet, statt zu erziehen in Beziehung zu deinem Kind gehen, ihm auf Augenhöhe begegnen und seine Wünsche und Bedürfnisse als genau so wichtig einzustufen wie deine eigenen. Unerzogen leben bedeutet, keine künstlichen Regeln zu schaffen – wenn wir mal ehrlich sind, gibt es schließlich auch nichts spannenderes als zu sehen wie weit man über eine Grenze gehen kann bis es Ärger gibt.

Unerzogen leben bedeutet nicht, dass dein Kind machen darf was es möchte und ihr werdet auch nicht (dauerhaft) im Chaos versinken – nein, unerzogen leben bedeutet einen Weg zu gehen, auf dem du dich wohl fühlst, auf dem dein Partner sich wohl fühlt und auf dem sich auch dein Kind wohl fühlt. Und unerzogen leben bedeutet auch nicht ohne Grenzen und Regeln zu leben, sondern lediglich keine künstlichen Grenzen und Regeln zu schaffen und nicht zu bestrafen – logische Konsequenzen allerdings sind nicht zu verhindern.

Puh. Bisher ist das alles sehr sehr theoretisch und wie das funktionieren soll, kannst du dir wahrscheinlich immer noch nicht vorstellen, oder? Also versuchen wir es einmal mit ein paar Beispielen von künstlichen Grenzen und dem Belohnungs- und Bestrafungs-System!


Du erwartest von deinem Kind, dass es sich in der Schule anstrengt und gute Noten schreibt. Als Belohnung für die Noten „sehr gut“ und „gut“ bekommt dein Kind etwas Süßes oder ein neues Spielzeug. Die Noten „befriedigend“ und „ausreichend“ werden zwar hingenommen, aber nicht mehr belohnt aber auch noch nicht bestraft. Für die Zensuren „mangelhaft“ und „ungenügend“ verhängst du Hausarrest und Fernsehverbot.

Zensuren als „Leistungseinschätzung“ sind Momentaufnahmen und sagen nichts über den tatsächlichen Wissens- und Leistungsstand deines Kindes aus, sondern zeigen lediglich, wie gut dein Kind sein Wissen in Stresssituationen abrufen kann. Dein Kind mit Belohnung und Bestrafung zusätzlich unter Druck zu setzen, macht die Situation für es noch schlimmer und beeinflusst eure Beziehung zu einander negativ.

Wie würde ich diese Situation also unerzogen lösen? Die Schul-Zensuren sind ein wichtiges Thema, denn sie sind entscheidend für den (beruflichen) Werdegang meines Kindes und natürlich wünsche ich mir für mein Kind, dass es aufgrund seines Abschlusses so viele Möglichkeiten bei der Berufswahl hat, wie nur möglich.

Ich würde also das Gespräch suchen, meiner Tochter die Notwendigkeit guter Zensuren erklären und ihr anbieten sie beim Lernen zu unterstützen. Hat sie gute Zensuren und ist stolz auf sich, freue ich mich für sie – präsentiert sie mir die nächste Fünf in Mathe, begleite ich sie in ihrer Enttäuschung und ihrem Frust und biete ihr meine Hilfe beim Lernen für den nächsten Test an.

Ein zweites Beispiel: Nur wer seinen Teller leer isst, bekommt auch einen Nachtisch!

Wieder erwartest du etwas von deinem Kind – nämlich, dass es die Portion, die es vorgesetzt bekommt, aufisst. Nur wenn es deine Erwartung erfüllt, bekommt dein Kind, was es sich wünscht – den Nachtisch.

Unerzogen würde diese Situation nicht entstehen. Meine Tochter muss nicht essen, wenn sie keinen Hunger hat und meine Tochter muss nichts (auf-)essen, was sie in diesem Moment nicht essen möchte. Als Elternteil ist es natürlich meine Pflicht darauf zu achten, dass meine Tochter sich ausgewogen ernährt und alle wichtigen Vitamine und Nährstoffe ausreichend zu sich nimmt. Ob sie einen Nachtisch isst oder nicht, hat aber auf das restliche Essverhalten in den wenigsten Fällen eine Auswirkung!
Ein Kind zum Essen zwingen, verschlechtert das Essverhalten lediglich – um dafür zu sorgen, dass mein Kind alles zu sich nimmt, was es braucht, hilft also nichts, als immer und immer wieder anbieten und darauf vertrauen, dass mein Kind konsumiert, was es braucht.


Es gibt kein Patent-Rezept für unerzogen leben das immer funktioniert und in jede Eltern-Kind-Beziehung passt. Nein, unerzogen zu leben und „Beziehung statt Erziehung“ als Mantra zu verinnerlichen, ist ein Prozess und eine innere Einstellung. Es ist eine Entscheidung!

Sich dafür zu entscheiden ohne künstliche Grenzen zu leben, bedeutet, den (manchmal) schwierigeren Weg zu gehen, denn unerzogen ist ein Trampelpfad! Statt dich auf den breiten Autobahnen der Erziehungs-Stile einzuordnen, entscheidest du dich dafür dir deinen eigenen Weg durch Gestrüpp zu bahnen, Steine aus dem Weg zu räumen und dich durch so manche Abenteuer zu kämpfen – ABER auch auf diesem Trampelpfad bist du nicht allein. An deiner Hand hast du dein Kind, das gemeinsam mit dir die Steine wegschiebt, die Wunden verarztet und über die gemeinsam bestandenen Abenteuer staunt!

„Kleine Drachen wollen meistens eigne Wege geh´n“ (Peter Maffay – Tabaluga)

Ich sage: Kleine und große Drachen können gemeinsam neue Wege gehen!

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3 Comments

    1. Ich frage mich wirklich, wieso du dir die Mühe machst einen Kommentar zu verfassen, wenn du deine Aussage nicht erklärst.
      Ich habe doch hier ganz bewusst Beispiele von Erziehung aufgeführt, um zu zeigen, was ich NICHT möchte.
      Wo wäre unsere Herangehensweise deiner Meinung nach denn Erziehung? ;D

  1. Man endlich geht’s mal los mit der Generation der mutigen Eltern. Ich kann diese Scheiße mit den Erziehungs“tips“ nicht mehr hören und ich habe nicht mal ein Kind!

    Meine Eltern haben mich nach dem klassischen „soliden“ System erzogen. Es gab Ärger und Vorwürfe anstelle der Fragen nach dem „warum“ die ich mir so sehnlich gewünscht habe. Ich bin ein gut erzogenes „Kind“, aber ich hätte mir meine Erziehung im Nachhinein lieber so wie die von Lou gewünscht.
    Ich finde es toll, dass ihr den Schritt wagt. Und mal ehrlich, die perfekte Erziehung gibt’s eh nicht, jeder hat seine Macken die letztendlich auf die Erziehung zurück zuführen sind. Eltern sind halt nicht perfekt, Kinder sind halt nicht perfekt, nüscht ist perfekt und deshalb sollten alle mal durchatmen und andere machen lassen. So.
    Liebe Grüße

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