#metoo. Ein Kommentar.

Diesen Beitrag habe ich gefühlt hunderte Male angefangen, wieder gelöscht, den Gedanken daran kurz verworfen und dann doch wieder angefangen. Mir ist bewusst, dass ich über ein sehr heikles Thema schreibe – ich weiß, dass das Thema sehr emotional geladen ist und die Meinungen dazu weit auseinander gehen. Und ich bin mir sicher, dass ich mit meiner Meinung darüber einige vor den Kopf stoßen werde – und doch möchte und werde ich diesen Beitrag jetzt schreiben und veröffentlichen.


Vor ab:

ich möchte sexuelle Gewalt und Übergriffe nicht verharmlosen oder schön reden. Wenn ihr Opfer wurdet und euch Hilfe suchen möchtet, habt ihr die Möglichkeit beim Hilfetelefon (0800 22 55 530) anzurufen und euch dort über weitere Anlauf- und Auskunftsstellen zu informieren. Ich kann nur jeder Person, die sexuell Missbraucht wurde, ans Herz legen sich Hilfe zu holen und sich ggf. auch an die Polizei zu wenden. Gerne könnt ihr mir auch eine E-Mail schreiben (kontakt@elena-monvoisin.de) und ich versuche euch so gut es geht zur Seite zu stehen.


Unter dem Hashtag #metoo werden seit Mitte Oktober 2017 Geschichten über sexuelle Gewalt / Übergriffe vermeintliche sexuelle Gewalt / Übergriffe veröffentlicht. Konkret veröffentlichen Frauen Geschichten darüber, wie sie – angeblich – von Männern sexuell Belästigt wurden. Ich betone „angeblich“, denn ehrlich gesagt habe ich das Gefühl, dass diese „Bewegung“ in erster Linie dazu dient Männer an den Pranger zu stellen. Es geht längst nicht mehr um Feminismus, Gleichberechtigung und das Kritisieren von Missständen – es geht nur noch darum andere, Männer, durch den Kakao zu ziehen.

Ich habe die letzten Tage und Nächte viele Stunden damit zugebracht mir Geschichten, die unter dem Hashtag #metoo veröffentlicht wurden, durchzulesen und habe vor allem eins festgestellt:
Auch wenn immer mal wieder ein Beispiel von tatsächlicher sexueller Gewalt zu finden ist, die meisten Beiträge handeln nicht von sexuellem Missbrauch, sondern von gefühlter sexueller Belästigung. Und das ist – in meinen Augen – ein Problem.
Unzählige Male habe ich gelesen, dass Frauen sich belästigt gefühlt haben, weil ihnen ein Kompliment gemacht wurde. „Du bist schön“ wird gleichgesetzt mit „ich werde dich jetzt ficken“ und obwohl der Herr am Tresen gar nichts falsch gemacht hat, wird er verteufelt – hinter jedem Kompliment steht ein Mann, dem „Triebtäter“ auf die Stirn tätowiert zu sein scheint. Eine unabsichtliche Berührung in einer absolut überfüllten Bahn? War´s ein Mann, ist es sexuelle Belästigung. Jemand läuft nachts auf der selben Straßenseite hinter mir – ein Mann? Sexuelle Belästigung. Ein Mann bietet mir seine Hilfe an – sexuelle Belästigung. Mein Chef benimmt sich wie ein Arschloch? Sexuelle Belästigung.

Versteht mich nicht falsch: ich möchte sexuelle Gewalt keineswegs verharmlosen, aber dieses Hashtag – dieser Trend, jede Kleinigkeit sofort als sexuelle Belästigung einzustufen und publik zu machen – nimmt dem Thema die Ernsthaftigkeit. Ich erinnere mich an das Jahr 2009. Damals war der Begriff „Mobbing“ in aller Munde. Ich war damals in der neunten Klasse und an unserer Schule gab es Workshops dazu, Mobbing wurde im Unterricht thematisiert und jede Beleidigung, jede falsche Geste, war nicht mehr „nur“ eine Beleidigung oder eben „nur“ der Mittelfinger, sondern sofort Mobbing. Mobbing ist aber weit aus mehr – Mobbing ist gezielt, über einen längeren Zeitraum, Gewalt, die von einer Gruppe gegen einen Einzelnen ausgeübt wird – keine einmalige Handlung.
Und so ist das auch mit sexueller Belästigung. Ja, es ist euch vielleicht unangenehm, wenn dir der Kerl am anderen Ende des Tresens ein Kompliment nach dem anderen zusäuselt. Aber es ist dir eben nur unangenehm – keine Belästigung. Wenn ein Mann nachts auf der selben Straßenseite hinter dir her läuft, kann es sein, dass du dich verfolgt fühlst, aber vielleicht muss er auch einfach nur in die selbe Richtung? Und wenn sich dein Chef wie ein Arschloch verhält und seine Macht ausspielt, dann ist er womöglich eben ein Arschloch – und ja, er missbraucht seine Macht, aber zwischen Machtmissbrauch und sexuellem Missbrauch liegen Welten.

Das Hashtag #metoo hat vor allem eins zur Folge: MÄNNER STEHEN DURCHGEHEND UNTER GENERALVERDACHT! Und das ist falsch.

Ich meine, wie genau stellt ihr euch das denn vor? Wie sollen eurer Meinung nach neue Beziehungen entstehen, wenn euch keiner mehr ansprechen darf? Der Typ, der euch in der Bar ein Kompliment nach dem anderen macht, ist vielleicht nicht euer Typ – aber woher soll er das bitte wissen, wenn ihr das nicht sagt? Du bist offensichtlich sein Typ und er versucht sein Glück – was ist daran verwerflich?
In Zeiten ohne tinder, lovoo und wie die Dating- und Sex-Apps alle heißen, lief flirten nun mal genau so ab: man hat eine Person, die einem im Café, in der Kneipe oder in der Bahn gefallen hat, angesprochen, ein Kompliment gemacht und nach einem Date gefragt. Da gab es kein „wegwischen“, wenn man jemanden unattraktiv fand oder ein „match“, wenn man bereit war mit Person x in die Kiste zu steigen. Nein, damals hat man die Person angesprochen – „Hey, du gefällst mir, hast du Lust auf ein Kennen-Lernen?“ … mit Glück wurde man mit einem Date belohnt, hatte man Pech musste man einen Korb einstecken. So what?

Ihr behauptet von euch unabhängige und starke Frauen zu sein, aber könnt es nicht verkraften, wenn man euch ein Kompliment zu viel macht? Sehr stark, muss ich schon sagen. Mr. Right soll euch im Sturm erobern, aber wenn der Froschkönig sein Glück versucht, wollt ihr euch die Finger nicht schmutzig machen und ihn an die Wand werfen?
Nur zu oft stört „Betroffene“ gar nicht die Tatsache selbst, sondern eher, dass der Mann, der die „Straftat“ begeht, gar nicht euer Typ ist – wenn er also euer Typ wäre, wären die Komplimente schön und toll, ihr würdet die Berührungen in der Bahn plötzlich als angenehm empfinden und er darf auch auf der selben Straßenseite wie ihr laufen? Wie scheinheilig ist das bitte?!

Ja! Es ist Belästigung, wenn euch ein fremder Mann ungefragt hochauflösende Fotos von seinem Penis schickt. Ja! Es ist Belästigung, wenn euch jemand ABSICHTLICH in den Schritt, an den Po oder an die Brust fasst. Ja! Es ist Belästigung, wenn ihr klar sagt, dass ihr kein Interesse habt und ihr dennoch nicht in Ruhe gelassen, sondern ihr weiterhin mit sexuell Anzüglichen Kommentaren vollgequatscht, werdet.

Nein! Es ist keine Belästigung, wenn euch jemand ein Kompliment macht. Nein! Es ist keine Belästigung, wenn euch jemand versehentlich berührt. Nein! Es ist keine Belästigung, wenn jemand um ein Kennen-Lernen bittet. Nein! Nicht jeder Mann ist ein potentieller Triebtäter.

Das Hashtag #metoo hat vor allem eins zur Folge: Eigentlich sollte das Hashtag darauf aufmerksam machen, dass sexuelle Belästigung weitaus öfter passiert, als man denkt. Dass viel mehr Frauen (und auch Männer) davon betroffen sind, als man denkt. Dass sexuelle Belästigung auch im eigenen Freundeskreis passiert. Dass wir aufmerksamer sein müssen und helfen sollen – dass wir einschreiten sollen und die Opfer nicht alleine lassen.
Tatsächlich aber ist genau das Gegenteil der Fall. Der Vorwurf „sexuelle Belästigung“ wird zum Witz. Frauen (und Männer), die sich Hilfe suchen wollen, werden nicht mehr ernst genommen – sie verschwinden in dem Einheitsbrei aus Nichtigkeiten. Männer wagen es nicht mehr eine Frau, die ihnen gefällt, anzusprechen, weil sie Angst haben müssen, dass sie als „Triebtäter“ bezeichnet werden. Über jedes Kompliment muss drei mal nachgedacht werden.

Ich finde es gut, dass Opfer von sexueller Belästigung ihr Schweigen brechen und ihre Geschichten teilen. Von Menschen zu hören / lesen, die ähnliches durchmachen mussten, wie man selbst, stärkt und hilft Betroffenen. Aber ich stelle es mir auch sehr schlimm vor als Opfer einer Vergewaltigung von Frauen zu lesen, die ein Kompliment zu viel als „sexuelle Belästigung“ bezeichnen.


Wie steht ihr zu dem Thema? Findet ihr das Hashtag #metoo sinnvoll oder geht es euch ähnlich wie mir? Ich würde mich freuen eure Meinung in den Kommentaren zu lesen!

6 Comments

  1. Ich sehe es genauso. Klar gibt es das „Persönliche Empfinden“, aber einige sind da einfach verdammt empfindlich. Mag ich keine Berührung, fahre ich nicht mit def vollen Tram. Sind mir Komplimente unangenehm, muss ich es sagen. Vieles scheitert einfach an der fehlenden Kommunikation.
    #metoo ist eine moderne Hexenjagd geworden.
    Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass da versucht wird, sich gegenseitig zu übertreffen. Dadurch geht die Ernsthaftigkeit des ganzen komplett verloren. Ein Opfer wiederholter Belästigung oder Missbrauch wird den Mund nicht mehr aufmachen, denn es muss mit Gegenwind rechnen. Und das ist verdammt traurig.

  2. Ich stimme dir voll und ganz zu! ich weiß nicht woran es liegt, aber manche Menschen schaffen es, überall etwas hineinzuinterpretieren und diese beschriebenen Frauen zählen dazu! Ich (vergeben) war letztens auf der Geburtstagsfeier einer Freundin, danach waren wir im Club tanzen. Einer ihrer Freunde hat mich angetanzt, ich hab mitgemacht und ihn dann darauf hingewiesen, dass ich einen Freund habe. Habe ich mich belästigt gefühlt? Nein. Durch dieses „überinterpretieren“ von verschiedensten Situationen gehen leider die wahren Opfer unter. 🙁

  3. Ich finde deinen Beitrag dazu sehr gut. Logisch sollte man gewisse Dinge sagen ob es jetzt darum geht dass einem Komplimente unangenehm sind oder andere Sachen. Wir können den Menschen nur vor den Kopf gucken wissen aber dadurch nicht was dieser Mensch für Gedanken, Gefühle oder Erfahrungen gemacht hat!Miteinander reden ist gerade bei solchen Themen wichtig!

  4. Ich habe dem nichts hinzuzufügen. Du hast in deinem Beitrag alles gesagt, was dazu zu sagen ist und ich bin da ganz bei dir, was deine Ansichten betrifft.

    Danke für diesen offenen und mutigen Beitrag und ich bin froh, dass du dich letztendlich doch dazu entschieden hast, ihn zu veröffentlichen!

    Wirklich gut geschrieben! Kompliment.

    Liebe Grüße, Kay.
    http://www.twistheadcats.com

  5. Ein wirklich toller Beitrag!
    Ich bin der gleichen Meinung wie du. Man sollte nichts verharmlosen, aber diesbezüglich auch nicht gleich alle Männer verteufeln. Hach, ein schwieriges Thema, weil es einfach jeder anders auffasst und anders damit umgeht. Ich finde es schade, dass sich manche bei #metoo dann auch „wichtig machen“ wollen, indem sie Geschichten erfinden, nur damit sie Aufmerksamkeit bekommen.

    Liebe Grüße,
    Jessi
    http://moredolcevita.at

  6. Du hast so recht meine Liebe.
    Ich finde, was da derzeit abgeht unter aller Sau.
    Klar – ist es schlimm, wenn es einem wirklich passiert, aber man hat den Anschein, dass viele Frauen so versuchen ein Stück vom Kuchen abzubekommen.
    Und das finde ich sehr sehr traurig.
    Und auf einmal sind natürlich die Männer (mit Geld) extremst in der Schussbahn…
    Liebe Grüße <3

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